Weg von allen Zwängen

Erfahrungsbericht von Ute Steinheber

Bereits Mitte der achtziger Jahre hatte ich das, wovon viele Frauen träumen. Ich arbeitete als Lehrerin in einem angesehenen, gut bezahlten Beruf. Ich hatte ein gesundes Kind, einen fleißigen Hausmann und begeisterten Vater für unsere wunderbare kleine Tochter. Aber ich war nicht glücklich. Seltsam oder? Wenn die Kleine nachts aufwachte, fieberte, spuckte, ins Bett gepinkelt hatte oder einfach nur schlecht träumte, der Papa stand auf, tröstete, half, beruhigte. Dann legte er sich wieder hin und schlief wie Gott in Frankreich. Ich, die Mutter, lag wach, grübelte, konnte nicht schlafen. Das ist Biologie. Das heißt genauer: physiologischer Ammenschlaf. Ich hörte die Flöhe husten und mein Kind weinen, laut träumen oder meinen Mann schnarchen. Ich hörte sie und wachte. Ja, das ist Steinzeitbiologie, nur dass mein Mann nicht mehr auf die Jagd ging, sondern ich, die moderne, emanzipierte, gut ausgebildete und ehrgeizige Frau. Am Morgen also ging ich übernächtigt in die Schule und begeisterte Pubertierende mehr oder weniger mit meinem Unterricht. Eltern und Schulleitung überzeugte ich mit meinen pädagogischen Fähigkeiten, meiner natürlichen Autorität und Ausstrahlung, meinem enormen, auch außerunterrichtlichem Engagement. Sie ahnen schon wohin das führte. In den BURNOUT. Dazwischen lagen allerdings noch knapp zwanzig Jahre. Ich wünschte, ich wäre schon weitaus früher K.O. gegangen und aufgewacht.

Gehören Sie auch zu den modernen Personen, die kaum essen und schlafen, die rund um die Uhr funktionieren, die immer erreichbar sind, die nie NEIN sagen, wenn der Chef Sie zum Projektleiter, respektive zur Projektleiterin, ernennt, in den Aufsichtsrat beruft und in der Schule, im Sportverein oder der Gemeinde noch ein Ehrenamt zu besetzen ist? Super, Sie sind ein Leistungsträger, ein Erfolgstyp. Sie werden Anerkennung sammeln, eine tolle Karriere machen und Verantwortung übernehmen, bald einen Porsche fahren und Urlaub auf den Seychellen machen. Sie brauchen weder einen festen Lebenspartner, geschweige denn einen Ehemann, noch Kinder, das stört nur die Abläufe, die Verfügbarkeit, die persönliche Freiheit, den beruflichen Aufstieg. Wow, was für ein Leben. Wollen Sie das wirklich? Ich wollte es nicht.

Deshalb stellte ich schon früh die Weichen. Weg von Karriereplänen, die ich durchaus und ganz real hatte. Weg von Arbeitszwängen, der hohen Erwartungshaltung anderer an mich, NEIN zur Verleugnung meiner wahren Wünsche. Ich entschied mich für das Familienleben, für weitere Kinder, für eine lange Beurlaubung aus dem Schuldienst. Und das war gut so.

Dies ist ein Auszug aus den Vorbemerkungen Ihres Buches: "tango familial", 2. Auflage 2016, Books on Demand GmbH, Norderstedt

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