Sieben Jahre lang ist Maria Specht Erzieherin in einem Kindergarten in der Region Stuttgart gewesen. Es war ihr Traumjob. „Ich war am Anfang total glücklich, dass ich Kindern was beibringen darf, dass Eltern und Kinder mir vertrauen und sich bei mir Rat holen“, erzählt die 33-Jährige. Nun wirft sie hin. Die Liste der Dinge, die zu dieser Entscheidung geführt haben, ist lang.
„Der Bruch kam mit Corona. Danach war das Arbeiten nicht mehr so wie früher“, sagt Maria Specht. Hinzu kam in ihrem Fall, dass die Kita zu einem offenen Konzept wechselte. Die Entscheidung habe der Fachbereich getroffen, das Team, mit dem sie stets sehr zufrieden gewesen sei, sei nicht gefragt worden. Sie wolle das neue Konzept nicht verteufeln, es habe Vor- und Nachteile. Doch ein Grund für die Neuausrichtung war ihrer Meinung nach auch, dass man so weniger Personal braucht oder zumindest flexibler auf Personalengpässe reagieren kann. Denn Erzieherinnen und Erzieher sind knapp, darüber hinaus ist der Krankenstand hoch.
„In den vergangenen Monaten war dadurch die Belastung extrem hoch“, erzählt Specht. Manchmal habe sie sich bereits auf dem Weg zur Arbeit Sorgen gemacht: Wer aus dem Kollegium würde heute wieder fehlen? In welche Gruppe würde sie kurzfristig gesteckt werden? Heute hier, morgen dort, dadurch ist ihrer Ansicht nach „der enge Kontakt zu den Kindern verloren gegangen“. In einer großen Kita mit 140 Mädchen und Jungen bleibe die Beziehungsarbeit unter solchen Umständen auf der Strecke.
„Ich kann meinen Job nicht mehr so ausüben, wie ich es eigentlich will“, sagt Maria Specht. Das Thema frühkindliche Bildung, fördern und fordern, sei längst in den Hintergrund getreten. Oft gehe es angesichts der Personalsituation nur noch um eine Aufbewahrung der Kinder, um satt und sauber. „Ich will aber nicht nur Betreuerin sein, sondern Pädagogin“, sagt Maria Specht.
Mehr Zeit für die Kinder, dies sei insbesondere vor dem Hintergrund erforderlich, dass es immer mehr Mädchen und Jungen mit Förderbedarf gebe. Ein Grund dafür sei, dass in den Kitas viele Mädchen und Jungen mit Migrationshintergrund seien, die kein oder nur wenig Deutsch sprechen. Aber auch allgemeine Entwicklungsverzögerungen nehmen ihrer Beobachtung nach zu. „Das erschwert die Arbeit zusätzlich“, sagt die Erzieherin. Um diese Kinder gut zu integrieren, brauche es in den Einrichtungen nicht nur ausreichend Personal, sondern zusätzliche Fachkräfte wie zum Beispiel Logopäden.
Maria Specht fordert, dass mehr Geld in die Bildung investiert wird. Um mehr Frauen und Männer für den Beruf zu gewinnen, brauche es eine bessere Ausbildung und höhere Löhne: „Als Erzieherin verdient man nicht schlecht, und dank der Streiks sind die Gehälter in den vergangenen Jahren gestiegen. Aber angesichts der Verantwortung, die man hat, ist es immer noch zu wenig.“
Und die Eltern? Haben auch sie ihren Anteil daran, dass Maria Specht ihren Beruf wechselt? „Es gibt solche und solche“, antwortet die Erzieherin. Natürlich bekomme sie als Fachkraft manchmal den Ärger ab, auch wenn sie nicht für die Missstände verantwortlich sei. Zum Beispiel, weil die Kita aufgrund der Personalsituation seit Februar und bis auf Weiteres bereits um 15 Uhr schließt. Viel mehr stört sie aber, dass Eltern immer wieder ihren Nachwuchs krank in die Kita schicken – nicht erst seit Corona. „Vielen scheint gar nicht bewusst zu sein, was das für das Kind und uns als Team bedeutet.“
Quelle: https://www.focus.de/panorama/ueberforderte-eltern-auffaellige-kinder-erzieherin-packt-ueber-missstaende-in-kitas-aus-kinder-wachsen-zu-egoisten-heran_id_260181012.html