In meiner neunjährigen Erfahrung als Tagesmutter habe ich mich immer wieder über die Quadratur des Kreises gewundert, zu dem das Vorhandensein eines U3 Kindes bei Familien und Arbeitgebern geführt hat. Da die Kinder unter drei Jahren bis zu 10 Infekten pro Jahr haben und das allgemein bekannt ist, hätte ich den Wunsch, dass die Politik darauf vernünftig reagieren würde, anstatt alle Beteiligten in diese vollkommen unbefriedigende Situation zu schicken und so zu tun, als wären durch Kinderbetreuungen Eltern in der Lage, ab dem ersten Geburtstag wieder normal arbeiten zu gehen.
Fakt ist, dass das Kind mit seinem Infekt zum Problem wird. In der Familie tritt Stress auf und zwar nicht, weil der Winzling sich deutlich unwohl fühlt, sondern weil ein Elternteil mit ihm zu Hause bleiben muss. Durch die feinen Antennen, die Kinder nunmal haben, kriegt das Kind mit Bauchschmerzen, Fieber und juckendem Ausschlag auch noch diesen Stress mit und realisiert durch die Häufung der Infekte, dass das jedesmal passiert, wenn es krank wird. Das erste Gefühl neben dem Unwohlsein ist also Verunsicherung statt Geborgenheit. Denn diese kommt erst, wenn die Betreuung geklärt ist. Diese sah in meiner Erfahrung häufig so aus: eines der beiden Elternteile bleibt im Homeoffice und betreut das Kind. Nach einer Woche sah zumindest ein Elternteil, manchmal beide, aus wie nach einem Gewaltmarsch durch die Wüste. Die Arbeit war nur in den wenigen Schlafphasen des Kindes und am Abend möglich gewesen, wenn das andere Elternteil übernehmen konnte. So gegen drei Uhr morgens war dann das Wichtigste erledigt und es konnten drei Stunden Schlaf stattfinden, unterbrochen durch den unruhigen Schlaf des Kindes.
In vielen Fällen hatte das Kind die Eltern angesteckt, die sich damit zusätzlich durch diese Tage quälten. Da bereits zu viele Fehlzeiten stattgefunden hatten, versuchten beide oder das alleinerziehende Elternteil, die Arbeit trotz allem irgendwie zu bewältigen. Diejenigen, die kein Homeoffice nutzen konnten, hatten zwar während der Erkrankung weniger Stress mit der Erledigung von Arbeit, aber wesentlich mehr durch den Ausfall am Arbeitsplatz und der sicht- und hörbaren Mehrbelastung des Teams. Natürlich bangten sie um ihre Arbeitsplätze. So bringen dann viele Eltern ihr noch nicht auskuriertes Kind oder ihr bereits kränkelndes Kind in die Betreuung.
Der Spruch „ich kann es mir nicht leisten, wegen jedem Schnupfen auf der Arbeit auszufallen“ ist geradezu symptomatisch für diese Schräglage geworden. Natürlich führt diese Haltung zu niemals endenden Krankheitswellen in den Betreuungen mit entsprechendem Personalmangel und zur Einschleppung jedes Infekts in alle Familien. Ich habe so viele Eltern daran verzweifeln und häufig auch resignieren gesehen. Mir unbegreiflich sind die rechtlichen und politischen Veränderungen, die stattgefunden haben.
Ich habe meine Kinder in den 90igern bekommen. Damals konnten wir ohne jedes Augenbrauen- Hochziehen drei Jahre beim Kind bleiben. Arbeitgeber konnten planen und haben für diesen Zeitraum befristet die Stelle besetzt. Häufig wurden die befristeten Mitarbeiterinnen nach dieser Zeit in die Firmen übernommen. Das war zu Zeiten des Berufseinstiegs in den überfüllten Baby- Boomer- Jahren eine gute Möglichkeit, ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis zu finden. Als Eltern profitierten wir von finanziell sehr gute Unterstützung durch Länder und Arbeitgeber. Verheiratete waren untereinander bei Trennung und Scheidung unterhaltsverpflichtet, was ich heute noch richtig fände und auf in Haushaltsgemeinschaft lebende Elternpaare ausweiten würde, ebenso wie die Steuerklasse 3 für alle, die für Kinder sorgen.
Heute wird so getan, als hätten durch den Rechtsanspruch auf „Frühkindliche Förderung“ ab dem ersten Lebensjahr alle ausgesorgt und beide Eltern könnten ihren Lebensunterhalt sowie ihre Rentenansprüche ganz einfach selbst verdienen. Mich wundert der fehlende Aufschrei von Eltern und Sozialverbänden, als diese eltern- und kinderfeindlichen Versorgungsansprüche eingeführt wurden. Darunter leiden nun wirklich alle. Für Arbeitgeber und Teams wäre es einfacher, klar zu wissen, dass für eine mehrjährige Elternpause eine Vertretung oder Umstrukturierung notwendig wird, als täglich zu bangen, ob Eltern zum dritten Mal in Folge wegen MagenDarm zu Hause bleiben müssen und das jeweils kurz vor Arbeitsbeginn zu erfahren. Kinder würden von der uneingeschränkten Fürsorge zu Hause profitieren. Und Eltern wären nicht im Dauerspagat.
Selbstverständlich konnten damals wie heute Eltern trotz Kinder auch bald nach der Geburt wieder arbeiten gehen. Sie kümmerten sich um die Betreuung ihrer U3 Kinder und mussten ebenso wie heute Ausfallzeiten am Arbeitsplatz kommunizieren. Das war bei uns logischerweise ab dem Kindergarten auch ein Problem. Trotzdem waren die Kinder dann älter und reifer für Betreuung und nicht mehr ganz so anfällig. Aber dieser U3 Kind- Dauerausfall ist ein großes Problem für Teams. Die Eltern haben wegen ihrer absolut mangelnden sozialen Absicherung kaum eine andere Wahl, als mit ihrem Ausfall zur Belastung zu werden. Kinder haben schon während Corona gemerkt, dass sie den Eltern beruflich im Weg sind. Jetzt merken es fast alle Kinder kurz nach ihrem ersten Geburtstag, wenn sie in Betreuungseinrichtungen funktionieren sollen und müssen, ob sie in ihrem Bindungsverhalten bereits so weit sind oder nicht. Das ist in meinen Augen gegen das Kindswohl und gegen die Gesundheit der Familien, weil die Eltern sich erschöpfen oder weil zumindest einer von beiden bei Trennung häufig in die Armut rutscht.
Quelle: https://www.news4teachers.de/2024/06/umfrage-kinderbetreuung-bringt-eltern-im-job-oft-nachteile-arbeitgeber-machen-druck/