Kinder unter drei sind nicht für diese Art der Betreuung gemacht

Erfahrungsbericht von Silke

Ich bin 55 Jahre und habe schon in allen Bereichen in Kitas gearbeitet, als Erzieherin, Gruppenleitung, Einrichtungsleitung und Stellvertreterin. Vor vier Jahren hatte ich einen Burn-out. Vor der Diagnose saß ich manchmal wie erstarrt weinend in einer Ecke und konnte nicht mehr. Ich habe gesehen, die Kinder streiten sich, aber ich hatte keine Kraft zu handeln. Danach habe ich wirklich überlegt, will ich noch mal zurück?
Aber ich liebe die Arbeit mit den Kindern. Die Bildung der Kinder ist meine Herzensangelegenheit. Es ist für mich das Schönste zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln, wie sie ihre Persönlichkeit entfalten und dazulernen. Also bin ich wieder zurück, habe aber meine Arbeitszeit reduziert. Und trotzdem gehe ich oft auf dem Zahnfleisch. Abends fehlt mir die Kraft für mein Sozialleben, weil wir momentan mehr Aufbewahrungsstation sind als Bildungseinrichtung. Ich arbeite bis um 14 Uhr und ich darf keine Überstunden aufbauen. Manche Arbeitsdinge mache ich also in meiner Freizeit. Und in meiner Arbeitszeit mache ich viel mehr als nur mit den Kindern arbeiten. Ich muss die Praktikantinnen betreuen, ich muss die Hilfskräfte anleiten. Wir haben ein Integrationskind, für das wir keine Fachkraft gefunden haben, die Förderung übernehme auch ich. Und auch normale Aufgaben wie Wickeln werden bei wenig Personal zum Problem: Wenn ich zehn Kinder wickle und für jedes fünf Minuten brauche, dann bin ich 50 Minuten mit Wickeln beschäftigt. In der Zeit ist meine Kollegin alleine in der Gruppe. Das Wickeln ist dann Akkordarbeit. Das ist kein pädagogisches Wickeln.
Ich arbeite zwar in einer Krippengruppe, aber ich glaube, dass Kinder unter drei nicht für diese Art der Fremdbetreuung gemacht sind. Wenn Eltern Kinder in eine Krippe geben möchten oder müssen, dann benötigen wir andere Konzepte. Kleinere Gruppen, mehr Personal. So wie es jetzt ist, ist es für die Kinder Stress. Sie lernen nicht mehr, Bindungen aufzubauen, Beziehungen aufzubauen. Auch die Bildung leidet, weil keine Zeit da ist. Als ich angefangen habe, als Erzieherin zu arbeiten, hatten wir von 25 Kindern zwei Kinder mit Förderbedarf. Jetzt sind es von 25 Kindern gefühlt zwei ohne Förderbedarf. Ihnen fehlen soziale und emotionale Kompetenzen, die wir gezielt fördern müssen.
Was ich mir wünschen würde, ist mehr Wertschätzung für uns Fachkräfte und unsere Arbeit. Von den Eltern, vom Träger und der Politik. Ich fühle mich immer mehr wie eine Dienstleisterin. Und was wir insgesamt brauchen, ist mehr gut ausgebildetes Personal. In meiner Gruppe ist eine Hilfskraft, die ist toll, aber keine Pädagogin. Und ein Kurs für sie wird nicht bezahlt. Stattdessen habe ich die Verantwortung für sie und ihr Tun. Wenn ich mein Auto in die Werkstatt bringe, damit die Bremsen überprüft werden, dann will ich auch, dass das ein Mechaniker macht. Und nicht der Papa des Mechanikers. Aber bei unseren Kindern reicht uns das aus? Für Kinder ist es uns anscheinend genug, sie einfach in Massen aufzubewahren. Ich habe das Gefühl, Kinder haben gar keine Lobby. Und wir Erzieherinnen auch nicht.

Quelle: https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/kita-es-fordert-mir-alle-kraft-ab-so-blicken-erzieherinnen-auf-den-alltag-07-07-109097693

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