Kurz vor dem dritten Geburtstag meines Sohnes erhielt ich einen Brief vom Jobcenter. Ich beziehe sogenannte Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes. Aus Sicht der Beamten habe ich nun lange genug gefaulenzt und wird es Zeit für den „Wiedereinstieg in den Beruf“. In dem Schreiben stehen Fragen wie „Liegt die Anmeldebestätigung der Kita vor?“. Ich werde nicht gefragt, ob ich überhaupt „wiedereinsteigen“ und meinen Sohn in Fremdbetreuung geben will...
„Wiedereinstieg“ ist ohnehin das falsche Wort, denn ich war auch vor der Geburt meines dritten Kindes zu Hause. Ich bin jedoch alles andere als arbeitslos. Meine Familie ist tagsüber zu Hause. Unsere großen Mädchen gehen nicht zur Schule und unsere kleinen Jungen nicht in den Kindergarten. In unserer Instrumentenwerkstatt entstehen Rahmentrommeln und Flöten, die für einen Teil unseres Einkommens sorgen. Wir werkeln mit Holz und Lehm an einem alten Fachwerkhaus, haben Hühner und bewirtschaften einen Garten. Mein Tagewerk wandelt sich mit den Jahreszeiten, ist sinnvoll und erfüllt mich mit Freude. Ich lasse mir von niemandem einreden, dass es keinen Wert hätte, nur weil ich dafür kein Geld erhalte. Ich kann tätig sein und gleichzeitig für meine Kinder da sein, so wie es fast die gesamte Menschheitsgeschichte über ganz selbstverständlich war. Meine Tage sind ausgefüllt und ich wüsste nicht, weshalb ich außerhalb arbeiten gehen sollte.
Ich wurde 1976 in eine Welt geboren, in der Menschen zur Arbeit gehen. Niemand kam auch nur auf die Idee, dass es anders sein könnte. Die Menschen verbrachten nach Altersgruppen sortiert ihre Tage in voneinander getrennten Welten. In meinem Geburtsland, der DDR, gingen schon damals auch die Mütter arbeiten. Jeden Morgen wurden die kleinen Kinder in Kinderkrippe oder Kindergarten gebracht, gingen die großen Kinder zur Schule und die Erwachsenen zur Arbeit. Die meisten alten Menschen, die nicht mehr für sich selbst sorgen konnten – so wie meine Oma – verbrachten ihre Tage in Altersheimen, weil ihre Familien tagsüber nicht zu Hause waren und keine Zeit für sie hatten. Arbeiten gehen und Geld verdienen, das machte einen großen Teil des Lebens aus. Auch in der so genannten „Freizeit“ drehten sich viele Gespräche um die Arbeit.
Und alle warteten immer auf das Wochenende. Waren Freitagabend meistens froh und Sonntagabend übellaunig. Warteten auf den Urlaub, monatelang. War der lang ersehnte Sommerurlaub verregnet, war die giftige Stimmung unerträglich und hieß es wieder ein ganzes Jahr lang warten. Warten weiter auf die Rente. Mein Vater hatte in seinen letzten beiden Arbeitsjahren eine Abstreichliste an der Wand hängen, auf der er die verbleibenden Tage bis zur Rente zählte. Ich konnte nicht sehen, dass irgendjemand Freude daran hatte, arbeiten zu gehen.
Nach meiner Schulzeit erlebte ich, wie gerne ich tätig war. Ich wusste, dass Lohnarbeit genau das verhindern würde. Zwei Jahre lang trampte ich durch Deutschland und Europa und verbrachte einige Zeit bei verschiedenen Selbstversorger- Gemeinschaften. Hier fühlte ich mich dem Leben viel näher. Ich half im Garten und im Stall, beim Käsen, Schafe hüten, Brot backen – ich lernte viele lebenswichtige Dinge. Zurück in meiner mecklenburgischen Heimat gründete ich mit Freunden selbst eine Gemeinschaft. Nach einer Weile hatten wir einen großen Garten, einen kleinen Hofladen, Pferde, Schafe und Bienen. Das bisschen Taschengeld, das wir hiermit verdienten, reichte bei weitem nicht zum Leben und wir mussten zusätzlich Arbeitslosengeld beantragen. Ich war inzwischen Mutter geworden und erhielt es ohne Bedingungen.
Als ich fast zwei Jahre nach dem ersten mein zweites Kind zur Welt brachte, gab es unsere Hofgemeinschaft nicht mehr. Inzwischen lebte meine Familie in einer Mietswohnung im Haus von Freunden. Sobald meine zweite Tochter drei Jahre alt wurde, begann das Arbeitsamt Druck zu machen. Bisher hatte ich tun können, was mir selbst sinnvoll erschien, doch auf einmal musste ich mich rechtfertigen. Man redete mit mir, als ob ich unmündig wäre.
Ich sollte meine Kinder in den Kindergarten bringen und Geld verdienen. Es gab eine ellenlange Liste von Verhaltensmaßregeln. Ich hatte immer zu Hause erreichbar zu sein und um Erlaubnis zu fragen, wenn ich wegfahren wollte. Ich hatte einem mysteriösen Arbeitsmarkt immer zur Verfügung zu stehen. Ich hielt mich jedoch nicht an diese Regeln.
Mir fiel auf, dass es vollkommen gleichgültig war, was für eine Arbeit ich ausführte. Ich konnte die Erde mit Gift vollspritzen, Müllberge produzieren oder Menschen demütigen – wichtig war nur, dass ich dafür Geld erhielt. Zu diesem Zweck war so ziemlich alles „zumutbar“, wie es in den Jobcenter-Formulierungen hieß. Für Geld hatten Menschen dazu bereit zu sein, ihre Heimat zu verlassen, jeden Tag stundenlang zur Arbeit zu fahren und nachts oder am Wochenende zu arbeiten. Es interessierte niemanden, dass ich selbst für meine Kinder sorgte, dass sie bei mir lebenswichtige Dinge lernten, dass ich selbst Gemüse anbaute, Brot buk und gesundes Essen kochte und einen kleinen Chor leitete. Das alles galt als Nichtstun, denn dafür bekam ich kein Geld.
Die jahrelange Programmierung, dass man Geld verdienen muss, um wertvoll zu sein, war anfänglich auch bei mir noch wirksam. Ich spürte oft ein leises Schuldgefühl, wenn meine Nachbarn morgens zur Arbeit fuhren. Mit der Zeit gewann ich an Selbstbewusstsein. Jobcenter-Mitarbeitern, die meinen, über mich und mein Leben bestimmen zu können, sage ich mittlerweile ins Gesicht, dass mein nährender „Job“ um ein Vielfaches wichtiger ist als ihre Schreibtischtaten. Sorgearbeit wird in unserer Welt nicht honoriert, doch sie ist die Grundlage für alles andere. Meine Familie ist mir zu wertvoll, um sie der Marktwirtschaft zu opfern!