Ich bin ehemalige Kita- und Hortbetreuerin und habe gesehen, wie Kinder unter der Ganztagsbetreuung leiden. Daraufhin habe ich mich intensiv mit der Entwicklungspsychologie eines Kleinkindes und der Bindungs-und Stressforschung auseinander gesetzt. Frühzeitige Ganztagsbetreuung (Krippe/Tagespflege) dazu frühkindliche Bildung (mit überhöhten Anforderungen für die Kleinkinder) sind ganz fatal.
Es gibt inzwischen viele internationale Studien , u.a. die Wiener Krippenstudie – wo das Stresshormon Cortisol gemessen wurde, die darauf hin weisen, wie schädlich die frühzeitige Ganztagsbetreuung ist. Hierzu muss man wissen, dass unter Zweijährige noch gar nicht gruppenfähig sind, nur eine hohe Anpassungsleistung in Krippe und Tagespflege zeigen (müssen), was zu Lasten der psychischen Gesundheit geht. Ihr Vorstellungsgedächtnis entwickelt sich ganz langsam und die Kinder können sich erst zwischen dem 18. und 24. Lebensmonat ein Bild von Mama und Papa abspeichern – das bedeutet, wenn Mama oder auch Papa aus der Kita gehen, fühlt sich das Kind verlassen und das ist der größte Stress im Leben eines Kleinkindes. Leider ist das nicht allen Kleinkindern anzusehen oder zu anmerken. Das Kind ist auf seine konstante, erwachsene Bezugs-und Bindungsperson, im Idealfall Mama oder Papa angewiesen. Zudem hat das Kind noch kein Zeitgefühl.
Wenn Kinder von kleinauf, wie z.B. in der Krippe oder Tagespflege den ganzen Tag nur mit Gleichaltrigen verbringen, binden sie sich notgedrungen an die Kinder in der Gruppe statt an ihre Eltern – das wird dann von Erwachsenen als „Kinder brauchen Kinder“ fehlinterpretiert.
Dass sich die Kinder aus der Not heraus, weil weder die Eltern, noch der Erzieher/Betreuer (katastrophaler Betreuungsschlüssel) zur Verfügung standen, an Gleichaltrige binden, wissen leider nicht alle Erwachsenen (Eltern und Erzieher/Betreuer).
Unsicher gebundene Kleinkinder lassen sich schnell eingewöhnen (kein Weinen bei der Eingewöhnung, scheinbar fröhlich) und haben offensichtlich keine Probleme mit der Ganztagsbetreuung– das wird leider oft von Erwachsenen mit „mein Kind geht so gerne in die Krippe/Tagespflege“ fehlinterpretiert (das gleiche gilt für den Hort): sicher gebundene Kinder (gute Bindung an die Eltern) brauchen Wochen bis sie gut eingewöhnt sind. Heute gilt ein Kleinkind als eingewöhnt, wenn es aufgehört hat, zu weinen. Das es nur resigniert hat und anfängt zu funktionieren, wird leider oft nicht gesehen.
Durch Krippen/Tagespflegebetreuung werden viele Kinder Infektanfällig; hinzu kommen Schlafstörungen, auch Aggressionen oder Apathie. Im Kindergartenalter ab drei Jahren fangen dann die Probleme bei den Kindern richtig an, weshalb viele Kindergartenkinder nach einem langen Kitatag von den Eltern noch zum Therapeuten gebracht werden, aufgrund massiver Verhaltensauffälligkeiten uvm. In den Kitas hatte ich viele Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten, Aggressionen oder auch Apathie zu betreuen; Kinder die seit dem 1. Geburtstag in die Fremdbetreuung mussten.
Zur Sozialkompetenz: Kleinkinder können noch gar nicht sozial agieren, erst mit Eintritt in die Autonomiephase (wenn das Kind zu sich selbst „Ich“ sagt, meist ab 2,5 Jahren). Krippen-und Tagespflegekinder kommen verfrüht in die Autonomiephase, was für sie massiver Stress bedeutet, leider von den Erwachsenen oft nicht wahrgenommen wird „mein Kind lernt viel und ist in der Kita so schnell selbstständig geworden“...
Das alles ist auch ein Grund, weshalb es heute an Grundschulen Erzieher, Psychologen und Sozialpädagogen gibt (verhaltensauffällige Kinder mit Sprachdefiziten, so dass kein Unterricht möglich ist – dieses Problem gibt es übrigens in allen Ländern mit flächendeckender frühzeitiger Ganztagsbetreuung); abgesehen davon, dass die Kinder heute bis meist 16 oder 18 Uhr im Hort bleiben müssen, soll das Schulpersonal das kompensieren, was eigentlich die Eltern zu Hause leisten müssten – bei Vollzeit Erwerbstätigkeit natürlich nicht möglich.
Mein 12 jähriger Stiefsohn hat das alles durch. Krippe und Ganztagsbetreuung. Erst die Schulschließungen während Corona brachten Besserung. Seine Mutter ist seitdem im Homeoffice, so hatte der Junge endlich mehr Familienzeit- Zeit mit der Mama und seine Verhaltensauffälligkeiten und Schlafstörungen minimierten sich. Er sagte selbst, dass die Ganztagsbetreuung für ihn schrecklich war, sowohl in der Kita als auch im Hort und hat sich gewünscht, auf ein Gymnasium ohne Ganztag zu kommen – so was gibt es allerdings leider nicht mehr.
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