Vielleicht, weil sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen müssen und dabei nicht auf die Unterstützung der Großeltern zurückgreifen können. „Die Eltern sind unter Druck und halten die Konflikte mit ihren Kindern nicht mehr aus“, sagt eine 48- Jährige Erzieherin. Viele Mütter und Väter würden viel zu schnell nachgeben, ihr Nachwuchs habe nie gelernt, ein Nein zu akzeptieren. Die Folge seien immer mehr verhaltensauffällige Mädchen und Jungen.
Bei Kita- Festen erlebe sie, wie die Kleinen einen Schokokeks nach dem anderen in den Mund schieben, ohne dass Mama oder Papa eingreifen. Verwundert ist die Erzieherin auch, wenn das Kind in der Kita sein Spielzeug noch wegräumen soll, bevor es nach Hause geht, das dann aber die Eltern erledigen, weil sie weder Zeit noch Nerven haben, um das mit ihrem Sprössling, der nicht aufräumen will, auszudiskutieren. Ihrer Meinung nach führt dieses Verhalten der Eltern dazu, dass in der Kita keine Bildungsarbeit mehr geleistet werden könne.
„Wir sind viel zu sehr damit beschäftigt, die Kinder zu erziehen, weil sie zu Hause keine Grenzen gesetzt bekommen. Auch das soziale Miteinander gehe verloren. Als sie ein Elternteil angesprochen habe, ob das Kind angesichts der Notbetreuungslage früher abgeholt werden könne, habe sie zur Antwort bekommen: „Wenn sie mich darum bitten, mache ich das nicht. Dazu möchte ich eine schriftliche Anweisung von ihrer Chefin.“ So würden Kinder lernen: „Hauptsache ich“ – und zu kleinen Egoisten heranwachsen.
Immer wieder werde sie angepflaumt: Wo sind schon wieder die Hausschuhe für das Kind? Warum hat das Kind Mittagsschlaf gemacht? Solche Sätze bekomme sie oft zu hören. Im Gegensatz dazu erlebe sie nur selten Situationen wie neulich, als ein Vater nach einem kurzen Austausch gesagt habe: „Danke für das nette Gespräch.“ An einen Berufswechsel denkt die Stuttgarterin dennoch nicht. „Ich freue mich einfach, wenn ich mit den Kindern zusammen sein kann." Und wenn diese mal kleine Egoisten seien, dann mache sie sich klar, „dass kein Kind von sich aus so ist“.
Auch die Räume machen der Stuttgarter Erzieherin die Arbeit schwer. Das Kita- Gebäude, in dem sie arbeitet, sei aus den 80-er Jahren. Die Gruppenräume seien viel zu klein. Das führe zu Konflikten unter den Kindern, weil sie alle zusammengequetscht seien. „Populationsstress“ nennt das die 48-Jährige und ergänzt: „Wir versuchen, die Situation zu entzerren, wo immer wir können.“ So würden sich die Kinder in zwei Schichten umziehen, weil auch der Garderobenbereich viel zu eng sei.
Auch von manchem Umschüler ist sie genervt. Viele würden ihr mehr Arbeit machen, als dass sie ihr Entlastung bringen würden. Und obwohl sie kein pädagogisches Studium vorzuweisen hätten, bekämen sie oft eine ähnliche Bezahlung. „Das macht unseren Beruf kaputt. So entsteht der Eindruck: Jeder kann Kita. Das stimmt aber nicht.“ Die Eltern würden diese Situation akzeptieren, weil sie froh seien, überhaupt eine Betreuung für ihr Kind zu haben. „Eigentlich müssten die Eltern auf die Barrikaden gehen, sie sind unsere Lobby. Aber das tun sie nicht“, bedauert die Erzieherin. Überhaupt wünscht sie sich mehr Wertschätzung und ab und zu ein paar nette Worte.
Gut die Hälfte (50,3 Prozent) der Kitaleitungen gab bei einer Umfrage an, dass in ihrer Einrichtung in den zurückliegenden zwölf Monaten in mehr als einem Fünftel der Betreuungszeit in Personalunterdeckung gearbeitet worden sei, also mit weniger Personal, als es die Vorgaben, etwa zur Gewährleistung der Aufsichtspflicht verlangen. Das ist eines der Ergebnisse der diesjährigen bundesweiten DKLK-Studie. Die Abkürzung steht für Deutscher Kitaleitungskongress, dahinter steht der Verband Bildung und Erziehung.
In der Umfrage stimmten 95,9 Prozent der Kitaleitungen der Aussage zu, dass die hohe Arbeitsbelastung zu mehr Fehlzeiten und Krankschreibungen führe. 84,8 Prozent gaben an, dass sich der Personalmangel in den vergangenen zwölf Monaten verschärft habe und es noch schwieriger geworden sei, offene Stellen passend zu besetzen. Gut drei von vier Befragten (77,5 Prozent) räumten ein, dass der Träger heute Personal einstelle, welches vor Jahren wegen unzureichender Qualifikation nicht eingestellt worden wäre.
Quelle: https://www.focus.de/panorama/ueberforderte-eltern-auffaellige-kinder-erzieherin-packt-ueber-missstaende-in-kitas-aus-kinder-wachsen-zu-egoisten-heran_id_260181012.html