Sonja ist verheiratet, Mutter von 3 erwachsenen Töchtern und Großmutter. Das Wohlergehen von Familien, speziell aber die Berufung ins Muttersein, sind ihre Themen. Sie ist Leiterin der Beratungsstelle für Schwangere und Familien KALEB - Region Chemnitz e. V. und Botschafterin für ein erfülltes Leben als Mutter und Ehefrau…

Was hat dir persönlich geholfen, in deine Mutterrolle hineinzuwachsen?

Auf jeden Fall hat mir das Vorbild meiner Mutter geholfen, aber auch das gesamte Wohnumfeld, sowie mein Platz in der Geschwisterfolge. Wir waren 5 Geschwister. Ich war die zweitälteste Tochter. Ich denke, mein innerer Wunsch selbst Kinder zu haben, trug mit dazu bei, mich später auch als Mutter „zu fühlen“. Ich würde sagen, dass es ein innerer Instinkt war.

Kann man kleine Kinder verwöhnen?

Klar kann man das, z.B. mit Süßigkeiten, die man gibt, nur um sich nicht mit dem Kind beschäftigen zu müssen. Ich glaube jedoch, die Frage meint etwas anderes, so z.B. wenn ein Kind schreit, dass man es nicht über einen längeren Zeitraum schreien lässt, sondern sich seinem Kind zuwendet; oder das Tragen im Tragetuch, denn der Körperkontakt zur Mutter bei Säuglingen und Kleinstkindern ist von enormer Bedeutung und hat nichts mit verwöhnen zu tun.

Was können Mütter tun, um eine stabile Bindung zu ihren Kindern aufzubauen?

Als ersten Punkt würde ich das Stillen des Säuglings nennen und wie oben schon erwähnt, der Körperkontakt. Des weiteren sollte auf die Bedürfnisse der 1-Jährigen und 2- Jährigen emotional eingegangen werden. Die Mütter sollten schauen, welches Bedürfnis das Kind gerade kundtut. Nur so lerne ich, was mein Kind tatsächlich braucht.

Eine stabile Bindung in Richtung von der Mutter zum Kind entsteht über die emotionale Ebene, aber nicht nur im Hinblick darauf, sondern auch, eine stabile Bindung vom Kind zur Mutter. Es ist immer eine wechselseitige Beziehung zwischen Mutter und Kind.

Das sogenannte Bindungsgerüst braucht mindestens 3 Jahre um auszureifen, also an Stabilität zu gewinnen, sodass ein Kind in der Lage ist, eine Bindung aufrecht zu erhalten.

Warum sind Mütter für kleine Kinder unersetzlich?

Weil die leiblichen Mütter letztendlich die Bedürfnisse ihrer Kinder am besten kennengelernt haben. Im Normalfall entsteht in der Zeit des Stillens eine enge Symbiose zwischen Mutter und Kind. Die Säuglingszeit ist für die Hirnentwicklung und für die Entfaltung des Bindungsgerüstes von enormer Bedeutung. Die Mütter versorgen ihre Kinder nicht nur, sondern die Zuwendung zum Kind passiert immerfort. Man ist die meiste Zeit im Kontakt mit dem Kind, oder wendet sich dem Kind zu, wenn das Kind das Bedürfnis nach Zuwendung äußert.

Erzieher in einer Kita sind in erster Linie daran interessiert, die Kinder zu versorgen (Essen, Trinken, Wickeln, aufs Töpfchen gehen). Für liebevolle Zuwendung bleibt in den Kitas eher keine Zeit. Das liegt sicherlich vordergründig am Betreuungsschlüssel, aber auch daran, dass die Erzieherin mit dem einzelnen Kind emotional nicht verbunden ist und so auch die Bedürfnisse eines einzelnen Kindes nicht kennt oder gar nicht wahrnehmen kann.

Ich selbst erlebe in Gesprächen mit Müttern immer wieder, dass sie ganz automatisch davon ausgehen, dass ihr Kind in der Kita besonders geliebt oder überhaupt genauso geliebt wird wie zu Hause auch. Da keine emotionale Verbindung zu „meinem Kind“ und der Erzieherin besteht, ja bestehen kann, kann es in der Kita logischer Weise auch nicht so bedingungslos geliebt werden wie zu Hause.

Was können Väter ihren Kindern geben?

Ich habe meinen Mann bei der Erziehung unserer drei Töchter immer als Beschützer, als Fels in der Brandung und als praktischen Helfer erlebt. Zuerst ist da wohl der Beschützer, der besonders in der Pubertät, wenn das Interesse am anderen Geschlecht erweckt, gefragt ist. Als Fels in der Brandung habe ich meinen Mann erlebt, wenn es um Geldsachen oder Formulare ausfüllen ging. Dort war er für die Töchter immer eine große Hilfe.

Der praktische Helfer war dann gefragt, wenn es darum ging, eine WG einzurichten, als unsere Töchter in die Lehre gingen. Oder wenn in Grundschulzeiten ein Vater nach der Zeugnisausgabe die Bratwürste grillen sollte.

Was sind typische Männer-Aufgaben beim Nestbau?

Ich denke in unserem Fall war es so, die Stangen für die Gardinen anzubringen, oder die Fenster zu streichen, oder Tapeten zu kleben. In diesem Fall auch wieder die praktischen Dinge zu erledigen. Für die Feinheiten wie z.B. das Dekorieren der Wohnung war ich dann wieder zuständig.

Als Ehepaar haben wir die allermeisten Dinge gemeinsam geplant, besprochen und ausgeführt. Die Kindererziehung lag jedoch zum größten Teil in meiner Hand, da mein Mann auf Arbeit ging. Ich habe die Zeit als Mutter immer als eine sehr wertvolle und sinnvolle Zeit erlebt. Wenn ich heute als Großmutter zurückschaue, weiß ich, dass die Zeit zu Hause als Mutter und Hausfrau eine äußerst fruchtbare Zeit für mich gewesen ist, auch wenn es nicht immer leicht war. Die Kompetenzen, die ich mir durch die Kindererziehung erworben hatte, kamen und kommen mir fast täglich wieder zu gute, insbesondere bei meiner Arbeit als Leiterin einer Beratungsstelle für Schwangere und Familien.

Als Großmutter kann ich sagen, dass meine Mutterrolle und das Zu-Hause-Bleiben sich noch in der nächsten Generation auszahlt, denn meine beiden Töchter, die schon verheiratet sind, haben „meine Mutterrolle“ übernommen und bleiben nun für ihre Kinder ebenfalls die ersten drei Jahre zu Hause. Meine Enkelkinder dürfen in stabilen Familien aufwachsen, sich im eigenen Tempo entwickeln, ohne sich in einer Kita einem Gruppenziel unterordnen zu müssen.

Vielen Dank für das Interview!

Mehr zur Arbeit von Kaleb-Region Chemnitz e.V. erfahrt ihr unter: www.kaleb-chemnitz.de